Europa ist immer noch Europa und sein Herz ist die Kultur
Postindustrielles Europa: Es hat sich viel geändert, aber Kultur ist immer noch das Zentrum
In den letzten zwanzig Jahren bin ich oft nach Europa gereist, meistens aus geschäftlichen Gründen. Jahrelang überkam mich direkt bei meiner Ankunft derselbe Eindruck, dass ich nicht mehr zuhause war, sondern an einem gänzlich anderen Ort. Teils war es die Gegenwart von Geschichte, die alten Kathedralen, die grossen Opernhäuser und Museen und die Spuren und Überreste der grossen Kriege. All dies in Verbindung mit der Vielsprachigkeit und den typisch europäischen Moden schafft bei mir und den meisten der Amerikanern das Gefühl einer anderen Welt. Jahre zuvor wurde dies Gefühl noch durch den Besuch der Geldwechselstellen verstärkt, sobald ich eine Grenze überfuhr, und ein Gefühl grösserer Distanz entstand durch die noch primitivere Telefontechnik früherer Jahre.
Heute hat sich so viel für Amerikaner wie mich, die Europa regelmässig besuchen, verändert. Mit der Preissenkung der innereuropäischen Flüge ist das Reisen von Land zu Land heute immer mehr wie das Wechseln aus einem US-Staat in den anderen. Der Euro und Geldautomat haben das Besuchen von Wechselstellen unnötig gemacht. Zur Bestürzung vieler Amerikaner hat das weltweite Business einen Starbucks in die Nähe des Brandenburger Tors und einen McDonald’s fast überall hinbefördert, was – zumindest oberflächlich – Europa weniger europäisch aussehen lässt. Und mit dem Internet und den Handys ist die psychologische Distanz von zuhause so viel kleiner als vor 20 Jahren.
Über all diese Veränderungen hinweg hat Europa noch eine besonders europäische Note beibehalten, die über das Vorhandensein von Kathedralen und Schlössern hinausgeht. Was für eine europäische Note ist das? Die Antwort ist die Kultur. Selbst wenn amerikanische Fastfood-Firmen immer tiefer in europäische Städte vorstossen und das Schrittempo und der Lebenstil in Europa immer mehr amerikanisiert wird, ist das Merkmal, das die europäische Identität bestimmt, die Prägung einer unterschiedlichen europäischen Kultur, die über all diese Veränderungen hinweggeht.
Europäische Kultur ist vielschichtig und ihre besondere Prägung ist überall auf dem Kontinent. Zunächst hat Kultur selbst ihren Hauptplatz. Die Gegenwart von Museen, Galerien, Konzerthäusern und Theatern ist in europäischen Städten viel offentsichtlicher als in den USA. Zugegeben, man sieht in New York ein Museum nach dem anderen, doch ausserhalb von New York und einigen wenigen Städten wie z.B. Chicago gibt es viel weniger kulturelle Attraktionen, aus denen man auswählen könnte. Sogar die zweitgrösste Stadt der USA Los Angeles kann nur eine Handvoll von Museen von unterschiedlicher Qualität aufweisen. Die mittelgrossen Städte im Zentrum der USA haben im besten Fall ein bis zwei grosse kulturelle Einrichtungen. Selbst eine Stadt wie St.Louis mit einem der besten Symphonieorchestern der USA und einem Platz, wo niemand geringerer als Max Beckmann seine letzten Jahre verbracht und Kunst gelehrt hat, hat nur ein Museum mittlerer Grösse. Dagegen hat Frankfurt, eine Stadt der gleichen Grösse, eine Reihe von Museen am Mainufer und mehrere Museen im Zentrum der Stadt auf der anderen Flussseite. Sogar das winzige Luxemburg war Kulturhauptstadt Europas – so etwas wäre für eine Stadt dieser Grösse in den USA unvorstellbar.
Es gibt zudem in Europa – und das ist unbestreitbar – einen grösseren Respekt für die hohe Kultur als in den USA. Sicher, Amerikaner verbringen heute mehr Zeit in Museen und Konzerthäusern, doch es gibt nichts Vergleichbares zu Berlin, mit seinen zahlreichen Opernensembles und Orchestern. Den Amerikanern gleich verbringen auch Europäer immer mehr Zeit mit Fernsehen und Kino (oft amerikanische Filme) und Rockmusik, doch gibt es viel mehr Vertrautheit mit der Vergangenheit, wo auch immer man geht, sei es Amsterdam oder Brüssel oder München oder eine der zahlreichen Städte, die Amerikaner als mittelgross bezeichnen würden. Es ist auch wert zu bemerken, dass die europäische Hymne Beethoven’s die Ode „An die Freude“ ist. Dagegen basiert „Star Spangled Banner“, die US Hymne, auf einem alten Trinklied.
Und über diese Zeichen traditioneller Kultur hinaus, gibt es noch etwas anderes, das typisch europäisch ist, vor allem bei jüngeren Europäern, die ich getroffen haben. Das ist die Hingabe an eine Zukunftsvision eines stärker integrierten Europas, die auf den Werten des europäischen Lebens in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten aufbaut. Diese Werte schliessen das ein, was ich als grosse Integration von Kultur sehe, die in vieler Hinsicht der sozialen und politischen der Europäischen Union selbst gleicht. Das schliesst die zeitgenössische Kultur des digitalen Ausdrucks in die traditionalle Kultur von Musik, Malerei und Literatur mit ein. Es ist die Integration von typisch deutscher oder französischer oder irischer Kultur mit der weltweiten Kultur Asiens und Afrikas. Es ist auch eine Integration in den künstlerischen Ausdruck dessen, was ich als grundlegende Werte sehe : der umsichtige Umgang mit den Ressourcen und der Umwelt und das Ziel, eine politische Integration in einer Welt der nationalen Kulturen, die sich traditionsgemäss bekriegen, aufrechtzuerhalten.
Es ist diese Integration, die jeder Reise nach Deutschland oder Irland oder Italien diese typisch europäische Note gibt, selbst wenn sich Europa eher wie die USA oberflächlich entwickelt und die Welt täglich homogener wird. Es ist diese Integration und das Bewusstsein der globalen Kultur, die Europa seine besondere Note gibt, auch wenn so viele der kulturellen Aktivitäten vom reinen Geschäftsdenken geleitet wird. Es ist das Kulturbewusstsein, das ich im Herzen einer echten europäischen Identität sehe. Das ist es, was mich Reise auf Reise – auch wenn ermüdend - immer wieder dahin zieht. Timothy McKenna, USA
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